„Setzen Sie sich, nehmen Sie Platz. Herzlich Willkommen zu Ihrem Mitarbeitergespräch. Wie geht es Ihnen?“ 

Maries Chef öffnet ihr die Tür. Sie durchschreitet den Raum bis zu einem Platz gegenüber ihres Chefs. Sie ist ganz froh, dass sie das Gespräch in einem Meetingraum führen und nicht in seinem Büro. Da hätte sie sich doch wie ein Gast gefühlt. Und ein bisschen eingeschüchtert und unwohl. Auf dem Weg zu ihrem Stuhl achtet sie darauf, den Rücken gerade zu machen und nicht zu tänzeln, wie sie es bei guter Laune gerne mal tut. Heute möchte sie souverän sein. Kurz vor dem Gespräch hat sie doch tatsächlich noch Andreas‘ Tipp ausprobiert und in einer ruhigen Ecke die Superman-Pose geübt. Auch wenn es sich albern anfühlte, hat es sie doch auch irgendwie stark, souverän und selbstbewusst gemacht. An dem „Fake it till you make it”, muss doch etwas dran sein. Während sie den Stuhl heran zieht, schmunzelt sie bei dem Gedanken daran. 

„Ich bin ein bisschen aufgeregt. Und vor allem gespannt auf unser Gespräch. Ich freu mich darauf“. 

Die Gesprächsstruktur

„Sehr gut! Das war ja auch ein ziemlich herausforderndes Jahr. Ich strukturiere meine Gespräche so, dass wir erst einmal über das letzte Jahr sprechen, dann über die aktuelle Situation und dann werfen wir einen Blick in die Zukunft. Ist das für Sie in Ordnung“?

Marie nickt. Ihre Hände kneten sich nervös unter dem Tisch, ihr linkes Bein ist überschlagen und wippt unregelmäßig im Takt.  Sie setzt sich noch einmal gerade hin. Zum Glück hat sie an ein Glas Wasser gedacht, an dem sie sich im Notfall festhalten kann. 

„Dann legen Sie mal los, wie haben sie das letzte Jahr so wahrgenommen?“

Zeit für deine Leistung & Learnings

„Es war ein spannendes Jahr und ich habe mich sehr darüber  gefreut, dass ich so viel Verantwortung übernehmen konnte. Dass ich jetzt auch technische Ansprechpartnerin für den Kunden bin, finde ich richtig gut. Und ich bin stolz darauf, dass ich den Kunden durch meine enge Zusammenarbeit mit ihm auch von unseren anderen technischen Lösungen überzeugen und damit sein Problem lösen konnte“. 

Ihr Chef nickte zustimmend. „Ja, das ist mir auch sehr positiv aufgefallen. Sie haben sehr engagiert, souverän und umsichtig agiert und auch einen Blick über den Tellerrand bewiesen. Nur was war dann im April los?“

„Das habe ich mich auch schon gefragt und auch viel mit Kollegen darüber gesprochen. Mir fehlte da einfach noch die Erfahrung als Projektleitung und habe deshalb nicht erkannt, dass sich das Budget dem Ende zuneigt. Daraus habe ich gelernt und damit das nicht wieder passiert, arbeite ich mich gerade durch zwei Projektmanagement-Bücher“.

„Sehr gut, das deckt sich mit meinem Eindruck, dass sie viel aus dieser Situation gelernt haben. In der Zukunft wünsche ich mir, dass sie früher mit mir sprechen, wenn sie Probleme haben“. 

Marie versprach es ihm und atmete leise aus. Diese Situation hat sie souverän gemeistert. Dabei hatte ihr der Gedanke daran in der letzten Nacht noch eine schlaflose Nacht beschert. Sie merkt, wie sich auch ihre feuchten Hände entspannten, ihr Bein aufhört zu wippen und sie nimmt einen großen Schluck aus ihrem Wasserglas. 

Anschließend plauderten die beiden noch über die aktuelle Situation, zum Beispiel über die Zusammenarbeit mit dem Chef und den Kollegen. Hier war alles in Ordnung. 

„Was stellen sie sich denn für die Zukunft so vor?“ fragt ihr Chef schließlich?

„Ich würde gern irgendwann eine Führungsaufgabe übernehmen. Und eine Weiterbildung wäre noch klasse“. 

In einer Führungsrolle sehe ich sie auch, allerdings noch nicht jetzt gleich. Hier fehlt ihnen noch ein bisschen Erfahrung. Sie wissen ja, dass Frau Claus in einem Jahr in Rente geht. Da möchte ich sie gern als Nachwuchskraft aufbauen. Und an welches Training dachten Sie?“

„Ääähmm…ach so…so schnell schon…das ist ja super…hihi!“

Souverän bleiben – in jeder Situation

Mist! Das wollte sie doch nicht. Doch diese neue Perspektive hat sie völlig aus der Bahn geworfen. So schnell hatte sie damit nicht gerechnet. Sie hibbelt auf ihrem Stuhl herum und streicht sich hektisch eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie räuspert sich. 

„Das klingt super, ich würde gern an diesem Nachwuchsprogramm teilnehmen und freue mich, dass es schon so bald losgeht“. Und über die Weiterbildung muss ich unter diesen Umständen noch einmal nachdenken, welche ich denn dann am meisten brauche. Ist das in Ordnung?“

Und dann gab es da ja noch den letzten Punkt auf ihrer Agenda. Sie erinnerte sich an die Souveränitäts-Checkliste, die sie von ihrer Freundin mitbekommen hatte: 

• „Stell beide Füße auf den Boden. Erde dich. So läufst du nicht Gefahr, hektisch herumzuwackeln und du fühlst dich sicher. 

• Wenn möglich, leg die Hände ruhig auf den Tisch. Wenn sie zittern oder unruhig sind, kannst du sie auch auf deine Beine legen. Und typische Falle: Keinen Stift oder ähnliches in der Hand halten, wenn du dazu neigst, nervös zu sein. Schon so mancher hat ein Konzert mit dem Druckknopfs des Kulis gegeben, ohne es zu merken“. Ihre Freundin hatte das entsprechend pantomimisch dargestellt. Auch bei dieser Vorstellung schmunzelte Marie und legte ihren Kugelschreiber demonstrativ zur Seite.

• „Setz dich aufrecht hin und halte Blickkontakt. Und zwar geradeaus und nicht mit scheuen Blick von unten. Wir Frauen neigen dazu, den Kopf zur Seite zu legen und unseren Gesprächspartner mit Hundeblick anzugucken. So bekommt man vielleicht Harmonie, doch mit Sicherheit keinen Respekt und keine Lorbeeren. Außerdem keine Gehaltserhöhung. Und souverän ist es auch nicht. Also Kopf aufrecht und Augen geradeaus“. Manchmal hatte ihre Freundin durchaus auch etwas von einem Drill Sergeant, fiel Marie bei dieser Gelegenheit auf. 

• „Halte Pausen aus“. Nenne deinen Gehaltswunsch und lass deinen Chef diesen erst einmal verdauen. Häufig reden sich Frauen um Kopf und Kragen, einfach weil sie diese Pause nicht ertragen. Die Stille ist in Ordnung, du musst da nicht reden. 

• Wenn möglich, achte auf deine Stimme. Es kann sein, dass sie zittrig wird. Dann ist das so. Und mach dir keinen Stress mit dem Anspruch, einen perfekten Satz zu formulieren. Hauptsache, die Botschaft kommt rüber. Und wenn du merkst, dass deine Stimme dünner wird, dann das Ausatmen nicht vergessen.“

Gönn‘ auch deinem Gehirn ein bisschen Luft

Ha, das hatte Andreas auch gesagt. Wenn sie aufgeregt ist, dann soll sie sich einfach auf ihre Atmung konzentrieren. Und vor allem auf die Ausatmung. Denn meist, wenn wir das Gefühl haben, zu wenig Sauerstoff zu bekommen und deshalb immer mehr einatmen, müssten wir einfach nur mal eine Pause machen und ausatmen. Das klang logisch, also setzt sich Marie aufrecht hin und atmete leise aus. „Hey, das funktioniert tatsächlich“, denkt sie, und entspannt sich.

• „Und der wichtigste Punkt“ hatte sie die Stimme ihrer Freundin wieder im Ohr „denk daran, ihr seid souveräne, ebenbürtige Partner. Dein Chef möchte ja auch etwas von dir, nämlich deine Motivation und deine Leistung. Kein Grund also, dich unter Wert zu verkaufen“

Jawohl, dieser Gedanke beflügelt Marie noch einmal. Sie stellt ihre Füße auf, legt die Hände auf den Tisch, richtet sich auf, hebt den Kopf, räuspert sich und sagt:

„Ich möchte gern auch noch einmal über mein Gehalt sprechen. Ich dachte da an 59.000 €“

Die Miene ihres Chefs verdunkelt sich. „Ich verstehe Ihren Wunsch aber in diesem Bereich sehe ich Sie momentan noch nicht“

Marie schießt das Blut in die Wangen, ihre Stirn pocht. Plötzlich ist es ziemlich warm in diesem Raum. Verdammt. War es eben auch schon so warm hier….?

To be continued