Wow…das hat sie jetzt kalt erwischt. Ok, sie hat in dem Gespräch hoch gepokert. Aber das ihr Chef sie jetzt so entsetzt ansieht, damit hat sie nicht gerechnet. Sie merkt, wie ihr das Blut in die Wangen schießt. Ihr wird heiß und kalt. Und sie schämt sich. 

    Ist Bescheidenheit doch die Lösung?

    Hätte sie doch bloß nicht auf ihre Freundin gehört. Sie hätte einfach wieder abgewunken bei der Frage nach mehr Gehalt und sie hätten zusammen gelacht und fröhlich den Raum verlassen. Stattdessen sitzt sie jetzt hier, zusammen gesunken und würde sich am liebsten verkriechen. 

    „Ich weiß ja, dass sie lange keine Gehaltserhöhung bekommen haben“ versucht ihr Chef zu beschwichtigen. „Aber so eine sprunghafte Steigerung kann ich einfach nicht verargumentieren und ich muss ja auch die anderen Kollegen im Blick haben. Sonst wird es ja unfair. Ich kann Ihnen 100 € mehr im Monat anbieten“. 

    Und nun wird Marie heiß. Doch nicht vor Scham, sondern sie kocht vor Wut. Wie bitte, das ist alles, was er ihr anbietet? Das gleicht ja nicht einmal die Inflation der letzten Jahre aus. Bevor sie aber nun etwas unüberlegtes tut und wutschnaubend den Raum und das Gespräch verlässt, erinnert sie sich noch an die Tipps ihrer Freundin, die sie ihr noch mit auf den Weg gegeben hat, für den Fall, dass ihre Wünsche nicht auf Anhieb in Erfüllung gehen: 

    Manchmal hilft ein Perspektivwechsel im Gespräch

    „Es kann sein, dass ihr euch nicht direkt im Gespräch einig werdet. Das kann daran liegen, dass dein Chef natürlich auch noch andere Aspekte im Blick behalten muss. Dazu gehören zum Beispiel die Gehaltsbänder in deinem Bereich, also der Vergleich mit deinen Kollegen. Auch wenn man natürlich nicht Leistung 1 zu 1 vergleichen kann, muss dein Chef doch im Blick haben, dass die Bezahlung für alle fair ist. Und möglicherweise hat auch er Budgetgrenzen, die du selbst einfach gar nicht kennst. Häufig haben die Führungskräfte einen gewissen Spielraum, jedoch immer mit einer Obergrenze. 

    Es kann natürlich auch sein, dass dein Chef deine Leistung gar nicht in dem Maße mitbekommen hat, so dass er die Informationen von dir möglicherweise nach dem Gespräch noch einmal neu sortieren und eine neue Entscheidung treffen muss. Also sind das A & O deiner Gehaltsverhandlung deine Argumente bzgl. deiner Leistung, die du deinem Vorgesetztem nach und nach präsentierst. Und gib ihm auch Zeit, diese zu verdauen und darauf zu reagieren. Also, wenn du merkst, dass das Gespräch in keine zufriedenstellende Richtung geht, dann hast du die folgenden Möglichkeiten: 

    Noch einmal eine Nacht über Alternativen schlafen. Und ist die Kündigung die Lösung?

    • Vertag das Gespräch. Bitte um ein wenig Bedenkzeit – die sich auch dein Chef nehmen wird – und ihr trefft euch einige Tage später zu einem weiteren Termin, um weiter zu verhandeln
    • Überlege dir, wo deine Untergrenze bist. Deine Obergrenze hast du genannt und nicht nicht bekommen. Aber wo ist deine Schmerzgrenze? 
    • Was tust du, wenn das Angebot unterhalb deiner Schmerzgrenze liegt? Mach dir im Vorfeld Gedanken darüber, mit welchen Konsequenzen du leben kannst. Und verkünde im Affekt des Gesprächs keine Konsequenzen, die noch nicht durchdacht sind und mit denen du dich selbst unter Druck setzt. Ein „Dann kündige ich und gehe“ ist schnell ausgesprochen. Möchtest du das dann auch umsetzen? Wenn du merkst, dass du nicht das verdienen wirst, von dem du selbst denkst, dass du es wert bist, dann solltest du die Kündigung als Konsequenz durchaus in Betracht ziehen. Doch rede vorher mit deinem Chef, bevor du kopflos hinwirst. Und eine Kündigung, die einmal ausgesprochen wurde, steht dann im Raum. Im besten Fall interveniert dein Chef und ihr findet eine Lösung. Im schlimmsten Fall wirst du unglaubwürdig, wenn du die ausgesprochene Kündigung nicht durchziehst. So eine Aussage sollte also wohl überdacht und nicht emotional-kopflos herausgebrüllt werden

    Ihre Freundin rutscht auf dem Sofa hin und her und schwengt ihr Glas nachdenklich. Dabei sind ihre Gedanken bei dem Gespräch, das sie selbst erst vor ein paar Tagen führte. Eigentlich wollte ihre Mitarbeiterin gar nicht kündigen, doch im Eifer des Gefechts ist es ihr so rausgerutscht, als sie sich im ersten Moment nicht einig waren. Das war ein hartes Stück Arbeit, diese Kuh wieder vom Eis zu holen. Zum Glück hat es geklappt. Zufrieden greift sie nach einem Stück Schokolade und genießt den sich ausbreitenden Nougat-Geschmack auf der Zunge. 

    „Und es muss ja auch nicht gleich der Worst Case eintreten“, relativiert ihre Freundin. „Dazwischen gibt es ja noch ganz viele Grautöne“. Dabei bewegt sie ihre Hände relativierend auf und ab. Bestimmt findet ihr im gemeinsamen Gespräch einen Kompromiss und Alternativen: 

    Macht das Beste aus deinem Geld

    • „Der Gehaltswunsch ist jetzt zu hoch? Kein Problem, vereinbart doch einfach eine Staffelerhöhung. Jetzt eine bestimmte Summe, in einem halben Jahr noch einmal und am Ende des Jahres. So bekommst du noch nicht direkt die ganze Summe, hast aber das Gefühl, dass etwas passiert. Und eine Perspektive. Und ganz wichtig: Haltet diese Staffelung schriftlich fest
    • Gibt es eine Möglichkeit, einen variablen Gehaltsbestandteil zu ergänzen, z.B. eine Zahlung bei Erreichung eines gemeinsam definierten Ziels? 
    • Eine andere Möglichkeit könnte sein, dass du deine Stunden reduzierst, bei gleichbleibendem Gehalt. Das ist dann eine stille Gehaltserhöhung. Es sollte nur auch zu deinem Arbeitsaufkommen passen. Wenn du hierdurch plötzlich Überstunden machst (die vielleicht mit dem Gehalt anteilig abgegolten sind) und trotzdem noch genauso viel arbeitest, hast du nichts gewonnen. 
    • Du kannst mit deinem Chef auch über eine Entgeltoptimierung sprechen, zum Beispiel in Form eines Dienstrades, einer betrieblichen Altersvorsorge, Zuschüsse für den Kindergarten, Bezuschussung von Sportangeboten, etc. Hierüber hast du die Chance, mehr aus deinem Brutto zu machen. 

    „Gar nicht mal so einfach. Es gibt ja in Bezug auf das Geld doch ziemlich viele Möglichkeiten, mehr zu machen. Aber gibt es auch Alternativen, die nichts mit Geld zu tun haben, wenn das für meinen Chef ein Thema ist“ fragt Marie und zieht ihre Knie mit den Armen näher an sich heran. Ihren Kopf legt sie nachdenklich darauf und schaut ihre Freundin fragend an. 

    Chair, box, think outside the box

    (Photo by Nikita Kachanovsky on Unsplash)

    Verantwortung, Beförderung und Weiterbildung

    • „Natürlich“ Ihre Freundin nickt. Du kannst auch mehr Verantwortung übertragen bekommen. Zum Beispiel in Form neuer Aufgaben oder eines neuen Aufgabenbereichs. Oder natürlich auch Führungsverantwortung. Doch meist geht so eine gesteigerte Verantwortung auch immer mit mehr Gehalt einher. Also sollte hier auch unbedingt vereinbart werden, dass du bald mehr bekommst. Nicht, dass deine Arbeit mehr wird, nicht aber dein Gehalt. 
    • Oder Firmen, insbesondere Kleinere, belohnen über Beförderung mittels eines neuen Titels. Das ist eine Form der Wertschätzung – wenn auch eine günstige, die nichts kostet, außer vielleicht neue Visitenkarten. Da wird man dann schnell Manager oder „Head of“. Und daran ist auch nichts auszusetzen, denn ein neuer Titel hat ja auch nach außen eine Wirkung. Doch pass auf, dass es nicht nur heiße Luft ist, ohne eine Bedeutung. Und – du ahnst es schon – auch hier sollte die Bezahlung auch alsbald nachgezogen werden“

    „Und last, but not least”- ihre Freundin streckt sich. Sie sitzen hier nun schon eine ganze Weile. Doch ein Thema liegt ihr als passionierte Personalentwicklerin besonders am Herzen:“ Gibt es ja au<ch noch Weiterbildungen und Coachings. Und davon habt ihr wieder beide etwas. Schließlich lernst du etwas, was für dich und auch für die Firma interessant sein kann. Und die Firma kann das auch noch steuerlich absetzen“. Ihre Freundin zwinkert. „Meiner Erfahrung nach ist beim Thema Weiterbildung immer noch etwas drin und das ist auch etwas, was ein Vorgesetzter gern unterstützt“. 

    Marie erinnert sich an dieses Gespräch und hält sich diese Tipps noch einmal vor Augen. Doch nun ist sie zu aufgebracht. Das merkt sie. Das Gespräch weiterzuführen, wird wahrscheinlich an dieser Stelle nichts bringen. Also bittet sie um einen Folgetermin und verlässt den Raum. Jetzt braucht sie erst einmal frische Luft. 

    Happy End des Gesprächs- besser als erwartet

    Ein paar Tage später, am Dienstag um 15 Uhr, treffen die beiden sich zu einem erneuten Gespräch. 

    Ihr Chef räuspert sich noch einmal und beginnt das Gespräch: „Zunächst einmal möchte ich noch einmal betonen, wie wertvoll sie mir als Mitarbeiterin sind und dass ich möchte, dass wir gemeinsam einen Weg finden“. Puh, das klingt gut. Maries Schultern senken sich ein wenig. 

    „Den von Ihnen gewünschten Betrag kann ich Ihnen leider nicht geben. Ich habe es versucht, aber wie schon vermutet, gibt es da einfach unternehmensweite Obergrenzen, die ich nicht übersteigen darf. Aber ich möchte Ihnen gern einen Plan anbieten: Sie bekommen jetzt 150 € mehr und in 3 Monaten 75 €. Und wir haben ja schon darüber gesprochen, dass ich Sie zukünftig in einer Führungsrolle sehe. Also möchte ich Ihnen gern ein Führungstraining bezahlen. Und wenn sie das absolviert haben und die Führung des Werkstudenten übernehmen, erhöhen wir ihr Gehalt noch einmal um 150 €. Wie klingt das für sie?“

    Marie traut ihren Ohren nicht. Genau das hatte sie sich auch überlegt, mit solch einem Paket wollte sie auch in die Verhandlung gehen. Doch ganz zufrieden ist sie noch nicht. 

    „Die zweite Erhöhung liegt bei 100 € statt 75 €. Und ich bekomme die Teilprojektleitung für das aktuelle Projekt übertragen. Und die Staffelerhöhung halten wir schriftlich fest“.

    Mut wird belohnt

    „Sie sind ja ein ziemlich harter Verhandlungspartner. Das gefällt mir.“ Ihr Chef nickt anerkennend. „Also gut, die Gehaltserhöhung halten wir so fest und sie suchen sich eine passende Weiterbildung aus. Holen Sie sich dazu vielleicht auch noch mal Empfehlungen von den Kollegen. Aber keine „Verhandlungstechniken“. Die haben sie schon gut genug drauf“. Ihr Chef lacht lauthals und reicht ihr die Hand. „Deal?“

    „Deal“ antwortet Marie erleichtert. Das es  in diesem Termin jetzt so gut läuft, damit hätte sie nicht gerechnet. Wie hilfreich da doch ein bisschen Bedenkzeit für beide doch war“. 

    „Wunderbar“. Auch ihr Chef ist erleichtert und gelöster, als in den letzten Tagen. „Das Erhöhungsschreiben setze ich Ihnen gleich auf, dann haben sie es auch schriftlich. Genauso wie das Protokoll unseres Gesprächs“. Während er das sagt, ist ihr Chef aufgestanden und hat den Stuhl an den Tisch geschoben. Nun ist er auf dem Weg zur Tür. „Und jetzt einen Kaffee? Den haben wir uns jetzt beide verdient“. 

    Marie nickt und beide verlassen zusammen den Raum. Fröhlich und zufrieden. 

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